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Die Mondin & der Sonne

Eine kleine Fabel

Vor langer Zeit, als der Himmel noch keine Regeln kannte, lebten die Mondin und der Sonne am selben Firmament.

Die Mondin war still und stark. Sie trug ein Kleid aus Silber und ließ die Gezeiten tanzen, wann immer sie wollte. Ihr Licht war sanft, aber bestimmt — wer genau hinsah, konnte darin ganze Ozeane erkennen.

Der Sonne hingegen war laut und warm. Er lachte so hell, dass die Blumen sich nach ihm streckten, und wenn er weinte, fielen seine Tränen als goldener Regen auf die Erde. Er liebte es, gesehen zu werden, und doch fühlte er sich manchmal unsichtbar.

Eines Abends, genau in der Stunde zwischen Tag und Nacht, trafen sie sich am Horizont. Die Mondin stieg auf, der Sonne ging unter — und für einen kurzen, atemlosen Moment standen sie nebeneinander.

„Du leuchtest so schön“, flüsterte der Sonne.

„Nur weil du mir dein Licht leihst“, antwortete die Mondin.

Sie lächelten sich an. Nicht traurig, nicht fröhlich — sondern so, wie man lächelt, wenn man weiß, dass der Moment gleich vorbei ist und genau deshalb kostbar.

Seitdem jagen sie einander über den Himmel. Nicht aus Verzweiflung, sondern aus Vorfreude. Denn sie wissen: Jeden Abend und jeden Morgen gibt es diesen einen Augenblick, in dem die Welt weder Tag noch Nacht ist — sondern einfach nur schön.

Hier entsteht bald mehr.