In dieser Folge nehme ich dich mit nach Südafrika – diesmal im Gespräch mit Heike, die ich genau dort kennengelernt habe und die ebenfalls in der Agrarbranche zu Hause ist. Für mich war dieser Austausch besonders, weil mich mit Südafrika eine tiefe Verbindung trägt: Meine Schwester lebt dort, ich bin als Jugendliche ein halbes Jahr dort zur Schule gegangen und war seitdem immer wieder da – nur mit der Landwirtschaft in Südafrika war ich nie in Berührung gekommen. Als ich von diesem Austausch hörte, wusste ich sofort: Da muss ich dabei sein.
Was „Woman Talk Agribusiness" ist
Der Austausch wird von der Andreas-Hermes-Akademie organisiert – gemeinsam mit dem Netzwerk Women in Agribusiness und dem Fachausschuss der Unternehmerinnen im Deutschen Bauernverband sowie den südafrikanischen Frauen. Nach einer ersten Runde in Kenia ging es diesmal mit 25 Frauen aus der Agrarbranche über fünf intensive Tage zwischen Johannesburg und Kapstadt – um die Landwirtschaft und Teile ihrer Wertschöpfungskette kennenzulernen, voneinander zu lernen und uns gegenseitig zu stärken. Im Juni wird der Austausch umgedreht, dann sind die südafrikanischen Frauen in Deutschland zu Gast.
Eine Kultur des gemeinsamen Tragens
Was mich am meisten beeindruckt hat: Wenn in der Vorstellungsrunde eine Frau etwas Positives erzählte – einen Preis, einen Erfolg mit ihrem Betrieb –, applaudierte die ganze südafrikanische Gruppe sofort, mit echter Begeisterung. Dieses gemeinsame Tragen und Feiern zog sich durch alle Tage und färbte spürbar auf uns deutsche Frauen ab. Für mich war genau diese Dynamik in der Gruppe eines der größten Geschenke der Reise.
Strukturen und Geschichte – meine Einordnung
Ein Teil der Folge war mir wichtig, um Kontext zu geben: Die Landwirtschaft hat in Südafrika große wirtschaftliche Bedeutung – in ländlichen Gebieten ist sie oft die einzige Einkommensquelle. Das Land ist ein bedeutender Agrarexporteur (Zitrusfrüchte, Obst, Wein; bei Feldfrüchten dominiert Mais als Grundnahrungsmittel, dazu Geflügel, Ziegen und Schafe für die Wolle), und die EU ist größter Handelspartner. Zwei große Produktionsprobleme: das sogenannte Loadshedding (Stromausfälle) und Wassermangel.
Geprägt ist das Land bis heute von den Folgen der Apartheid, die erst 1994 endete. Seit ihrem Ende sollten eigentlich 30 % des Landes umverteilt werden – erreicht wurden bisher rund 10 %, und davon entfällt nur etwa ein Zehntel auf Frauen. Grob lassen sich drei Gruppen unterscheiden:
- Kommerzielle Farmer: rund 40.000 Großbetriebe, oft über 1.000 Hektar, hochmechanisiert und exportorientiert – sie erzeugen etwa 85 % der Produkte und sind überwiegend in weißem Besitz.
- Smallholder Farmer: etwa 2,9 Millionen Kleinbauern mit durchschnittlich 1–5 Hektar, meist für den Eigenbedarf, mit begrenztem Zugang zu Märkten, Krediten und Technologie.
- Emerging Farmers: Begünstigte von Landreformprogrammen im Übergang dazwischen – mit gemischtem Erfolg, oft wegen unzureichender Nachbetreuung.
Kontraste, die sprachlos machen
Wir durften ganz unterschiedliche, frauengeführte Betriebe besichtigen: eine generationengeführte Weinfarm in Stellenbosch (nobel, exportstark, wie aus dem Bilderbuch), eine moderne Saatgutanlage, eine Moringa-Produktion und eine ganz frisch aufgebaute Farm mit Schweinemast.
Mir ist vor allem die junge Schweinemast nahegegangen: aufgebaut mit den einfachsten Mitteln, auf sandigem Boden ohne Wasser, also ohne eigene Futterproduktion – alles wird geliefert. Dazu nur ein Neun-Jahres-Pachtvertrag (statt der sonst üblichen ~30 Jahre) und ein gerade nicht funktionierendes Fahrzeug, um die Tiere zum Metzger zu bringen. Und trotzdem machen diese Frauen weiter, mit leuchtenden Augen. Was ich dabei gelernt habe: Umverteiltes Land geht häufig nicht direkt an die Landwirtinnen, sondern wird über lokale „Chiefs" als Gatekeeper verteilt – Abhängigkeiten, die wir so kaum kennen.
Für mich war das eine zentrale Erkenntnis: Hier sind keine „08/15-Farmen" dabei. Weil so viele in der ersten Generation von Grund auf aufbauen, sind sie unglaublich innovativ und individuell.
Die Barrieren der Frauen
Aus den Gesprächen wurde für mich klar, womit Frauen besonders kämpfen:
- Landzugang als größte Hürde – und weil der Landtitel oft bei den Männern liegt, ist es schwerer, Kredite zu bekommen (weniger Sicherheiten, höhere Zinsen).
- Markt- und Beratungszugang sind ebenfalls schwieriger.
- Der Zeitfaktor: Frauen tragen oft eine dreifache Last aus Kinderbetreuung, Hausarbeit und Farmarbeit.
Eine andere, sehr ernste Realität, die Heike geteilt hat, ist die ländliche Sicherheit – bewaffnete Überfälle auf Farmen sind eine reale Gefahr, die uns beide sehr nachdenklich gemacht hat.
Die deutsch-südafrikanische Verbindung
Deutschland ist einer der wichtigsten Handels- und Entwicklungspartner Südafrikas (Schwerpunkte u. a. Klima und Energie, Demokratie, nachhaltige Wirtschaft, Berufsbildung und Gesundheit). Viele Herausforderungen ähneln sich: der Klimawandel, die Marktmacht der Supermärkte, der Generationswechsel und die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen. Bei Besuchen in der deutschen Botschaft in Pretoria und der Residenz in Kapstadt entstand für die südafrikanischen Frauen vor allem eines: Sichtbarkeit und direkter Kontakt zu Stakeholdern, zu denen sie sonst kaum Zugang haben. Ich glaube, dass das für sie eine ganz besondere Chance war, sich zu zeigen und ihre Herausforderungen hörbar zu machen.
Mein Fazit
Mein persönliches Highlight war die Energie in der Gruppe: 25 Frauen, die einander unterstützt, gefeiert und zugehört haben – dazu die individuelle Leidenschaft jeder Einzelnen und die tiefen Einzelgespräche am Abendbrottisch oder im Bus. Und natürlich, diese Landschaft und Landwirtschaft in einem Land voller Kontraste erkunden zu dürfen.
Was bleibt, ist auch ein tröstlicher Gedanke: So unterschiedlich unsere Wege sind – strukturell ähneln sich unsere Herausforderungen, weil wir Frauen sind und in der Landwirtschaft arbeiten. Und der Mut dieser Frauen, trotz aller Hürden weiterzumachen, inspiriert mich bis heute. Vielleicht hängen wir nach dem Gegenbesuch in Deutschland noch einen zweiten Teil an.
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