Du stehst im Supermarkt vor dem Gemüseregal. Eine Schale Blaubeeren, Mitte Juli, Herkunft: Simbabwe. Du legst sie in den Wagen und denkst dir nichts weiter. Genau an diesem Regal bleibt Carla Ley inzwischen stehen – weil sie weiß, wie viele Hände diese Beeren angefasst haben. Sie ist 24, gelernte Landwirtin aus Nordrhein-Westfalen und arbeitet seit zwei Jahren in der Landwirtschaft in Simbabwe. Nebenbei studiert sie Agrarwissenschaft im Fernstudium, führt einen Blog und einen eigenen Podcast.
In dieser Folge nimmt sie uns mit: auf ihren Weg dorthin, in ihre Sichtbarkeit und in einen Alltag zwischen Bergen, Seen und rund 100 Menschen, die sie durch die Saison führt.
Wie ein Umweg zum Weg wird
Carla ist auf einem Resthof aufgewachsen. Ihr Uropa hatte einen kleinen Milchviehbetrieb, 1986 gingen die letzten Kühe. Ihr Vater hat selbst Landwirt gelernt, arbeitet heute im Futtermittelhandel und half lange auf befreundeten Betrieben aus. Mit fünf oder sechs Jahren war Carla das erste Mal mit im Stall, dazu Pferde zu Hause. Stallarbeit war einfach Teil des Alltags.
Mit 14 suchte sie einen Ferienjob auf einem Milchviehbetrieb in der Nähe. Aus den Osterferien wurden knapp zwei Jahre. Eigentlich wollte sie Tierärztin werden, aber fünf Jahre Hörsaal – das war nicht ihr Bild von sich. Ihr Vater riet zu einem Job mit vernünftigen Arbeitszeiten. Kennst du diesen Satz? Wenn Eltern dich vor genau dem bewahren wollen, was sie selbst kennen. Bei ihm hatte es damals auch nicht funktioniert.
Also: Abi, 2021 Ausbildungsstart, ein Jahr auswärts auf einem Schweine- und Ackerbaubetrieb rund um Münster – Schweine, mit denen sie vorher nie zu tun hatte und die sie lieben gelernt hat. Das zweite Jahr wieder Milchvieh, in der Nähe von zu Hause. Seit 2023 ist sie ausgebildete Landwirtin.
Der eigentliche Sprung kam danach fast beiläufig. Reisen wollte sie schon nach dem Abi, Corona kam dazwischen. Nach der Ausbildung ging sie erst nach Brandenburg – "so weltreisemäßig für mich aus dem Kaff". Und in ihrem Erntehelfer-Team stand ein Mann, der von genau der Farm in Simbabwe kam, auf der sie heute arbeitet. Afrika stand nicht auf ihrer Liste. Ihre Mutter sagte: Wenn du das nicht machst, kommst du Weihnachten nicht nach Hause.
Manchmal liegt die Chance nicht am Ende eines Plans, sondern neben einem im Erntehelfer-Team.
Landwirtschaft in Simbabwe: wenn die Wertschöpfungskette Gesichter bekommt
Carlas Saison läuft von April bis Ende November: Blaubeeren und Zuckererbsen für den Export, Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tage, in der Hochsaison rund 100 Menschen unter ihrer Führung.
Und hier kommt das Bild, das mich aus diesem Gespräch nicht mehr loslässt: Im Packshed stehen bis zu 90 Menschen und packen die Beeren von Hand, gepflückt wird ebenfalls von Hand. Sechs Tonnen am Tag. Erst jetzt wird über eine erste Sortiermaschine nachgedacht – und selbst dann würden immer noch 60 Menschen dort stehen.
Carla sagt es sehr ehrlich: Sie hätte niemals gedacht, dass Blaubeeren, die sie auch in Deutschland anbauen könnte, aus Afrika kommen – und schon gar nicht, dass so viel Handarbeit dahintersteckt. "Dafür gibt es ja Maschinen" – bis du es mit eigenen Augen siehst.
Ihr größtes Learning daraus: Landwirtschaft bekommt Gesichter. Nicht mehr nur Produkt, Branche, Preis pro Kilo, sondern Menschen. Und zugleich etwas Unbequemes: wie wenig man über die eigenen Lebensmittel weiß – selbst als gelernte Landwirtin.
Das kenne ich aus meinem eigenen Agrar-Austausch in Südafrika sehr gut. In Berufsschule und Studium lernen wir den klassischen Marktfruchtbau und die Tierhaltung. Obst und Gemüse laufen unter Gartenbau, die Schritte davor und danach sind meist ausgelagert. Die ganze Kette einmal selbst zu sehen, verändert den Blick dauerhaft.
Sichtbarkeit: einfach mal anfangen
Carlas Weg in die Sichtbarkeit begann im ersten Ausbildungsjahr, auf dem Rückweg von einem Bier mit ihrem Juniorchef. Sie sprachen über Landwirtschaft und Öffentlichkeit, und er sagte diesen einen Satz: Wenn du was verändern willst, dann fang doch einfach an.
Ihr erster Beitrag entstand an einem Dienstagabend nach dem Essen – in einer Zeit, in der viele Sauenhalter und Mäster aufgaben und die Preise schwierig waren. Ihr erster Gedanke war der, den viele haben: Dann kannst du dir den ganzen Mist in der Kommentarspalte abholen. Ihr zweiter Gedanke war der entscheidende: Genau das ist ja das Problem.
Wenige Wochen später kam ihr Blog dazu, später der Podcast. Und spannend: Ihr Blog ist größer geworden als ihr Instagram-Account – weil dort die Generation ihrer Eltern und Großeltern liest, die kein Instagram hat. Inzwischen haben sogar ihre Großeltern einen Account, um zu sehen, was sie macht.
Ihr Antrieb ist keine Reichweite. Es geht ihr um Aufklärung ohne Verurteilung: Wenn sie eine oder zwei Menschen erreicht, ist sie zufrieden. Und die Reaktionen aus ihrem Umfeld? Fast durchweg positiv. Menschen aus dem Dorf, die sie zehn Jahre nicht gesehen hatte, sprachen sie auf Dorffesten darauf an.
Falls du selbst mit dem Gedanken spielst, sichtbarer zu werden: Wie andere reagieren, hast du nicht in der Hand. Aber du hast in der Hand, ob du anfängst.
Was sich verändert, wenn du bewusst lebst
Der Teil des Gesprächs, der mich am meisten berührt hat, kam am Ende. Carla erzählt offen, dass sie in ihrer Ausbildungszeit mit sich zu kämpfen hatte und die Ausbildung nur knapp geschafft hat. In Simbabwe geht es ihr besser – nicht, weil sie weniger arbeitet. Die Tage sind lang, die Entscheidungen viele. Aber die Mentalität um sie herum bedeutet weniger Stress, und die Umgebung tut den Rest: abends auf der Terrasse sitzen, morgens Kaffee ohne Verkehrslärm, nur Vögel und Wind in den Bäumen. Ein Wochenende heißt bei ihr: samstags auf den Berg, Lagerfeuer, Sterne.
Ihr größtes Wachstum, sagt sie, ist, dass sie sich Auszeit für sich selbst nehmen kann. Und dass sie inzwischen gern allein ist. Das ist ihr persönlicher Weg, kein Rezept und kein medizinischer Rat. Aber die Frage darin gilt überall, auch auf einem Hof in Deutschland: Was in deinem Alltag gibt dir Energie, und was zieht sie dir? Kraft kommt nicht aus mehr Leistung. Sie kommt aus Rückhalt, Umgebung und den kleinen Momenten, die du wirklich wahrnimmst.
Ihren Fünfjahresplan hat Carla übrigens abgeschafft. Nach Brandenburg und Simbabwe hat sie aufgehört, langfristig zu planen, und angefangen, zu Möglichkeiten nicht mehr Nein zu sagen. Wer mit dem Vergleichen und dem "eigentlich müsste ich schon weiter sein" ringt, findet dazu auch Impulse in der Folge Dein eigenes Timing.
Ein kleiner erster Schritt
Nimm dir diese Woche ein Lebensmittel vor, das du selbst nicht anbaust. Dreh die Packung um, schau nach der Herkunft und stell dir einmal die Menschen vor, die dafür gearbeitet haben. Das ist keine Moralübung. Es ist eine Achtsamkeitsübung – und sie verändert überraschend viel daran, wie du deinen eigenen Beruf siehst.
Geh vor die Tür
Carlas Botschaft zum Schluss ist so bodenständig wie ihr ganzer Weg: Geh raus, schau über deinen Tellerrand. Es muss nicht das andere Ende der Welt sein, das Nachbardorf reicht. Hauptsache, du schaust dir an, wie andere Menschen es machen – weil daraus Wachstum entsteht. Hör auf dein Bauchgefühl und geh dorthin, wo es sich richtig anfühlt. Und wenn es das nicht war, gehst du einen Schritt zurück. Vielleicht bringt dich genau der wieder zwei nach vorn.
Hör unbedingt in Carlas Podcast rein und folge ihr auf ihren Kanälen – ich verlinke alles in den Show Notes.
Wenn du gerade selbst spürst, dass du dein Bauchgefühl wieder deutlicher hören möchtest: In der 1:1 Begleitung und im Online-Kurs Dein inneres Feld schauen wir gemeinsam hin – achtsam, systemisch und somatisch. Und wenn dich diese Folge inspiriert hat, teile sie mit einem Menschen, der gerade vor einer Entscheidung steht. Schön, dass du diesen Weg gehst.
