Kennst du das Gefühl, so lange eine Rolle gespielt zu haben, dass du irgendwann nicht mehr sicher bist: Ist das noch ich – oder ist das schon die Maske?
Genau dieses Gefühl hat mich zu dieser Folge gebracht. Nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern mitten aus dem Prozess heraus. Das Thema Masken begleitet mich gerade sehr. Seit ich aus der Betriebsleitung ausgestiegen bin, seitdem ich auf Reisen bin und Menschen begegne, die mich nicht in alten Rollen kennen, taucht diese Frage immer wieder auf: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nichts beweisen und keine Erwartung erfüllen muss?
Warum wir Masken tragen – und warum das mal richtig war
Masken entstehen nicht aus Schwäche. Sie entstehen aus Intelligenz.
Als Kinder war unser größtes Bedürfnis Zugehörigkeit: geliebt werden, akzeptiert sein, dazugehören. Und wir haben sehr früh gelernt, was dafür nötig ist. Sei stark. Sei unkompliziert. Sag nicht nein. Zeig keine Gefühle. Mach keine Probleme. Diese Anpassungen waren Überlebensstrategien – und sie haben funktioniert.
Das Problem ist nicht, dass wir sie entwickelt haben. Das Problem entsteht, wenn wir sie so lange tragen, dass wir vergessen haben, dass sie da sind. Wenn die Maske und das Gesicht darunter ununterscheidbar werden. Wenn wir anfangen, für die Erwartungen anderer zu leben, ohne noch zu wissen, was wir selbst eigentlich wollen.
Die starke Hofnachfolgerin – und andere bekannte Gesichter
Ein paar Masken, die ich aus meiner Arbeit und aus eigener Erfahrung kenne:
Die starke Hofnachfolgerin, die immer alles im Griff hat – weil sie früh gelernt hat, dass Schwäche zeigen den Betrieb oder die Familie destabilisiert. Die perfekte Partnerin oder Mutter, die alle Bedürfnisse erfüllt, außer den eigenen. Die unkomplizierte Freundin, die immer ja sagt und Konflikte meidet, weil Harmonie wichtiger wirkt als Ehrlichkeit. Die harte Geschäftsfrau, die Gefühle verdrängt, weil sie sonst nicht ernst genommen würde.
Alle diese Masken haben dasselbe Ziel: Schutz. Zugehörigkeit. Weniger Reibung. Und je nach Kontext können sie auch heute noch sinnvoll sein. Es ist nicht falsch, eine Maske zu tragen, wenn du gerade keine Energie hast, ganz du selbst zu sein.
Die Frage ist: Passiert das noch bewusst – oder läuft es einfach so?
Maske oder Wahrheit – wie du den Unterschied spürst
Das Schwierige ist, dass sich Masken nach einer Weile wie Identität anfühlen. Sie sind vertraut, sie sind sicher, und das Abnehmen kostet erst mal mehr Kraft als das Tragen.
Trotzdem gibt es Momente, in denen etwas durchsickert. Ein Unbehagen. Das Gefühl, nach außen zu performen, was innen gar nicht stimmt. Erschöpfung, die sich nicht mit Schlaf erklären lässt – weil sie von der Energie kommt, die es kostet, jemand zu sein, der man nicht ist.
Ich habe mir einen Satz aufgeschrieben, der mich gerade begleitet: Echtheit beginnt nicht damit, allen zu zeigen, wer du bist. Sie beginnt damit, aufzuhören, dich vor dir selbst zu verstecken.
Das ist der erste Schritt. Nicht die große Ankündigung nach außen, sondern die ehrliche Begegnung mit sich selbst.
Abstand hilft beim Sehen
Etwas, das ich immer wieder bemerke: Masken erkennt man leichter auf Abstand. Wenn ich nicht in meinem gewohnten Umfeld bin, nicht in den alten Rollen funktioniere, von Menschen umgeben bin, die mich nicht als Hofnachfolgerin, Tochter oder Betriebsleiterin kennen – dann wird klarer, was eigentlich zu mir gehört und was ich nur mitgetragen habe.
Deshalb sind Reisen, neue Umfelder und Auszeiten für mich mehr als Erholung. Sie sind Erkenntnisräume. Das gilt auch im Kleinen: ein Abend ohne Handy, ein Spaziergang ohne Agenda, Stille – einfach mal schauen, wer da auftaucht, wenn die äußeren Anforderungen kurz leiser werden.
Mehr zu dieser Verbindung – und warum Zwischenzeiten so wichtig sind – findest du auch in der Folge Die Zwischenphase.
Die Selkie – eine alte Geschichte über das eigene Fell
Zum Abschluss eine Geschichte aus der keltischen Mythologie, die mich sehr bewegt hat und die ich heute Morgen durch eine Karte entdeckt habe: die Selkie.
Eine Selkie ist ein Robbenwesen, das seine Haut ablegen kann, um als Mensch an Land zu leben. In einer Version der Geschichte stiehlt ihr ein Mann die Haut, ohne die sie nicht zurück ins Meer kann. Sie bleibt an Land, führt ein menschliches Leben, bekommt Kinder. Aber der Ozean ruft sie täglich. Bis sie ihre versteckte Haut wiederfindet – und zurückgeht.
Für mich ist das eine Geschichte über genau dieses Thema: die Teile von uns, die weggenommen oder versteckt wurden. Die Sehnsucht nach dem, was wirklich zu uns gehört. Und die Entscheidung, irgendwann zurückzufinden – nicht in die Vergangenheit, aber zu sich selbst.
Was dich heute begleiten darf
Nimm dir einen Moment. Einen Atemzug. Und dann diese Frage:
Welche Maske trägst du noch – und wer bist du wirklich darunter?
Du musst das nicht sofort beantworten. Du musst es nicht laut sagen. Aber du darfst hinschauen.
Und wenn du merkst, dass du in dieser Arbeit Begleitung möchtest: In der 1:1 Begleitung schauen wir gemeinsam hin – achtsam, systemisch und somatisch. Du musst die Masken nicht alleine ablegen. Schön, dass du diesen Weg gehst.
