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Folge 2319. August 2026· 21 Min· 5 Min Lesezeit

Die Zwischenphase – über Unsicherheit und neue Wege

Das Alte passt nicht mehr, das Neue ist noch nicht da. Über die Zwischenphase, das Aushalten von Unsicherheit – und warum Stillstand auch Wachstum sein darf.

Die Zwischenphase – über Unsicherheit und neue Wege

Kennst du diesen Zustand? Das Alte passt nicht mehr richtig. Es löst sich langsam auf. Und das Neue ist noch nicht da – jedenfalls nicht sichtbar, nicht greifbar, nicht sicher. Du bist nicht mehr dort, wo du warst, und noch nicht dort, wo du hinwillst. Genau darum geht es in dieser Folge: um die Zwischenphase.

Wir reden viel über Ergebnisse. Über die Entscheidung, die getroffen wurde, den Hof, der übergeben ist, den Job, der gewechselt wurde. Aber wie es sich anfühlt, noch nicht angekommen zu sein, obwohl du das Ankommen so dringend brauchst – darüber wird selten gesprochen.

Mein eigener Zwischenraum: Wohnung auflösen, Südafrika, Australien

Vor anderthalb Jahren bin ich aus der Betriebsleitung des elterlichen Betriebs ausgestiegen. Danach kam ein Jahr Festanstellung, parallel habe ich meine Coachingausbildung beendet und Agribalance aufgebaut – diesen Podcast, das Coaching, die Workshops. Die Festanstellung habe ich vor einigen Monaten gekündigt. Seitdem bin ich voll in der Selbstständigkeit, die selbst noch mitten im Aufbau steckt.

Und jetzt kommt das, was ich hier noch nicht geteilt habe: Ab Oktober gehe ich nach Australien. Work and Travel, noch einmal Mähdrescher fahren – das, was viele nach Schule, Ausbildung oder Studium machen. Bei mir kommt es später, in einer anderen Lebensphase, in der ich vor Jahren gedacht hätte, ich stünde längst woanders. Ich war damals in Kanada in der Ernte und habe es geliebt. Weil ich schon während des Studiums in den Betrieb eingestiegen bin, kam Australien nie dazu. Jetzt geht es los, gemeinsam mit einer sehr guten Freundin aus meiner Kanada-Zeit. Die Ernte läuft etwa bis Weihnachten, danach reisen wir weiter: Australien, Neuseeland, Südafrika.

Agribalance läuft weiter. Podcastfolgen kommen weiterhin, Online-Coachings gibt es auch – nur Präsenz-Workshops pausieren, und die Zeitverschiebung spielt mit.

Den September verbringe ich bei meiner Schwester in Südafrika. Zum dritten Mal in diesem Jahr. Das war eine Erlaubnis, die ich mir erst geben musste. Die Stimme im Kopf sagte: Du kannst doch nicht schon wieder wegfahren, du bist doch bald sowieso weg, du willst doch jetzt Zeit mit deinen liebsten Menschen hier verbringen, und wieder ein Flug, wieder Geld. Aber die Wahrheit ist: Mir geht es hier gerade nicht gut, und ich habe die Möglichkeit, an meinen Kraftort zu einem meiner Kraftmenschen zu gehen. Also löse ich in den nächsten zwei Wochen meine Wohnung auf und schließe dieses Kapitel ab.

Warum die Zwischenphase so schwer auszuhalten ist

Von außen klingt das großartig. Und es ist ein riesiges Privileg – so viel Freiheit, Gesundheit und Spielraum habe ich vielleicht nie wieder. Beides stimmt gleichzeitig: Ich freue mich riesig, und innerlich ist es wirklich herausfordernd.

Ich bin darauf konditioniert zu funktionieren. Verantwortung übernehmen, weitermachen, durchhalten. Ich bin ein ausdauernder, disziplinierter Mensch – und das macht mir sogar Freude. Aber es ermüdet auch. Und wenn dieser Antrieb plötzlich keinen durchgetakteten Tag mehr vorfindet, kommen die alten Glaubenssätze nach oben. Ganz vorne dieser: Wer bin ich, wenn ich nichts leiste? Wenn ich nichts beweisen muss?

Dabei leiste ich jeden Tag etwas. Nur eben anders, als ich es kenne – und deshalb zählt es innerlich nicht. Ich merke, wie ich weiterlaufe, und frage mich manchmal, ob ich nur laufe, damit ich nicht stehen bleiben und diese Leere fühlen muss. Vielleicht ist genau diese Leere gerade wichtig. Sie ist trotzdem unheimlich. Mehr zu diesem Muster findest du in der Folge Selbstannahme.

Die Landwirtschaft kennt Unsicherheit besser als andere

Ich glaube, wir stecken gerade kollektiv in einer Zwischenphase. Alte Sicherheiten werden unsicherer, der technologische Wandel beschleunigt sich und stellt Arbeitswelten auf den Kopf, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen verschieben sich. Das ist keine Angstmacherei, das sind Beobachtungen, an denen wir alle nicht vorbeikommen. Und ja: Der Mensch will Sicherheit. Nur bedeutet Sicherheit nicht automatisch Glück.

Und hier ist unser Vorteil: Wir in der Landwirtschaft kennen Unsicherheit. Wetter, Märkte, Politik, Natur – nichts davon lässt sich kontrollieren. Wir haben ein Leben lang geübt, flexibel zu bleiben und Kontrolle abzugeben, ohne den Boden zu verlieren. Diese Fähigkeit wird für alle Menschen wichtiger werden. Wir bringen sie schon mit.

Vertrauen heißt: sich selbst etwas zutrauen

„Vertrau doch einfach" sagt sich leicht. Wenn du es wirklich tun musst, ist es schwer. Für mich heißt Vertrauen nicht, dass alles gut wird, weil es schon gut werden muss. Es heißt: Ich traue mir zu, mit dem umzugehen, was kommt. Auch mit Stürmen. Auch mit Dingen, die ich nicht will. Und ich habe Menschen und Möglichkeiten um mich, die mich tragen.

Wo wir genau ankommen, können wir nicht steuern. In welche Richtung wir gehen, sehr wohl. Die Richtung darf sich auch ändern – aber blind irgendwohin zu laufen, nur um in Bewegung zu sein, kostet vor allem Kraft.

Ein kleiner erster Schritt

Bleib heute einmal bewusst stehen. Zwei Minuten, ohne Aufgabe, ohne Handy. Und frag dich: Gehe ich gerade in eine Richtung, die ich selbst gewählt habe? Oder laufe ich, damit ich nicht fühlen muss? Du musst darauf nichts antworten. Nur einmal hinhören.

Du musst heute noch nicht alles wissen

Ich kann dir hier keinen 5-Schritte-Plan geben. Ich will es auch nicht, weil er für jeden Menschen anders aussieht. Was ich dir mitgeben kann: Du brauchst noch nicht den vollständigen Plan, auch wenn du ihn gern hättest. Du brauchst noch keine Antwort darauf, wo du in einem Jahr oder in fünf Jahren stehst. Du darfst es nach und nach herausfinden, die nächsten notwendigen Schritte gehen und dann wieder schauen, was kommt.

Frag um Rat, schau dir Möglichkeiten an – und hör vor allem dir selbst zu. Dein Körper und deine Intuition wissen meistens ziemlich genau, was für dich stimmt. Erlaube dir, Zwischenphasen da sein zu lassen. Sprich über die Unsicherheit, statt sie in dich hineinzufressen. Und vielleicht ist dieses Noch-nicht-Wissen sogar ein Privileg unserer Zeit. Stillstand kann genauso Wachstum sein.

Wenn du gerade selbst in so einer Phase steckst und nicht alleine hindurchgehen möchtest: In der 1:1 Begleitung schauen wir gemeinsam hin – achtsam, systemisch und somatisch. Und wenn dich diese Folge berührt hat, teile sie mit einem Menschen, der gerade zwischen zwei Kapiteln steht. Schön, dass du diesen Weg gehst.

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